WGT in Leipzig
Alle Jahre wieder zu Pfingsten lockt das Wave Gothic Treffen um die 20.000 Fans aus allerlei dunklen Subkulturen nach Leipzig, und es ist jedes Mal wieder ein unglaubliches und ganz besonderes Erlebnis, was einen dort erwartet.
Neben über 100 Bands aus zahlreichen Genres von Dark Wave, Electro, Industrial, EBM über Neofolk, Mittelaltermusik, Metal bis hin zu Goth Rock, Postpunk, Horrorpunk, Psychobilly und Klassik, bietet dieses Festival noch so viel mehr. In 50 Locations, die über ganz Leipzig verteilt sind, findet man neben Konzerten auch Austellungen, Führungen, Lesungen und Vorträge.
Überall in der Stadt findet man mal mehr, mal weniger dezente Verweise auf das größte Treffen der schwarzen Szene. Da gibt es beim Bäcker ein Petit Four in Sarg Form und eine Leipziger Gothic Lerche.
Der Italiener bietet eine WGT Pizza und schwarze Pasta an, der Straßenbahnfahrer entschuldigt sich, dass er es vor Dienstantritt nicht mehr geschafft hat, seine Bahn schwarz zu streichen und wir leider so viel zu bunt unterwegs sind und selbst die Straßenmusiker in der Innenstadt spielen Depeche Mode und The Cure.
Man merkt an allen Ecken und Enden, dass diese Veranstaltung in die kulturelle Identität der Stadt Leipzig gewachsen ist und die meisten Einheimischen schauen jedes Jahr freudig und fasziniert auf das dunkle Treiben. 5 Tage lang dominiert die Farbe schwarz eindeutig das Straßenbild der sächsischen Metropole.
Ich bin auch jedes Jahr aufs Neue völlig begeistert, was für eine rücksichtsvolle und tiefenentspannte Atmosphäre auf dem Treffen herrscht. Einen solch respektvollen und umsichtigen Umgang der Besucher untereinander, erlebt man in der Tat wirklich sehr sehr selten. Davon könnte sich unsere Gesellschaft im Alltag gerne mal eine große Scheibe abschneiden.
Musikalisch startete unser Wochenende mit dem Besuch eines kleinen, unscheinbaren Clubs in Connewitz, dem "Ilses Erika". Zu den Klängen von Wave, Postpunk und Synthpop vornehmlich aus den 80ern, konnte man hier etwas von der Luft schnuppern, die die Szene in ihren Anfangstagen erfüllte.
Meine persönlichen Konzerthighlights an den Folgetagen waren Perturbator (Unglaublich was die abgeliefert haben. Absolute Empfehlung für jeden, sich das mal live anzuschauen!), Kim Wilde, Xmal Deutschland, Suicide Commando, Frontline Assembly, Clan of Xymox, She Past Away, London after Midnight, Lacrimosa, Fliehende Stürme und Ist Ist. Alles in allem eine wilde Mischung unterschiedlicher Stile, wobei natürlich auch die Grenzen zu Hardrock und Metal durchaus sehr fließend sind und es unglaublich viele Schnittstellen der beiden Szenen miteinander gibt. Ich kann aber sowieso jedem raten, sich nicht zu limitieren und so oft es geht auch mal über den eigenen musikalischen und subkulturellen Tellerand zu schauen und zu hören. Es ist immer wieder spannend, was man da so alles entdecken kann und was einem sonst so alles entgehen würde.
In diesem Sinne kann ich auch jedem einfach nur wärmstens empfehlen, sich an Pfingsten mal auf die Socken nach Leipzig zu machen. Auch ohne Ticket und/oder nur mit einem Besuch im heidnischen Dorf (dafür gibt es auch gesonderte Tageskarten), lohnt sich das auf jeden Fall. (RB)